Meine Tatev Reise begann auf einer Serpentinenstraße, führte mich über eine Seilbahn zum Basaltplateau über der Vorotan Schlucht und zeigte mir in zwei Tagen, wie viel Geschichte in einem einzigen Kloster Südarmeniens steckt.
Tatev liegt in der Provinz Syunik im Südosten Armeniens, auf einem Basaltplateau am Rand der Schlucht des Vorotan. Die Entfernung von Eriwan nennen die Quellen unterschiedlich, Wikipedia schreibt einmal 250 und einmal 280 Kilometer. Für mich hieß das: Ich rechne mit einem ganzen Reisetag und übernachte in Goris. Das Kloster wuchs ab dem 9. Jahrhundert zum Bischofssitz heran, die Kirche der Apostel Paulus und Petrus entstand zwischen 895 und 906.
Mein Plan war schlicht. Basis in Goris, gut 30 Kilometer südwestlich, dann am ersten Tag mit der Seilbahn Wings of Tatev hinauf und durch das Klosterareal, am zweiten Tag ein Abstecher in die Höhlensiedlung Khndzoresk. Ich hatte vorher Wikipedia und Wikivoyage gelesen und mir vorgenommen, vor Ort nachzuprüfen, was sich prüfen lässt.
Der Bericht folgt der Reihenfolge der Strecke: Anreise, Seilbahn, Kloster, danach Fakten, Essen, Kleidung und Verhalten. Für einen Tatev Urlaub würde ich im Nachhinein mindestens zwei Nächte in der Gegend einplanen, auch weil die Wege länger dauern, als die Karte vermuten lässt.

Tatev Reise ab Goris bis Halidzor
Die Anfahrt war der unspektakulärste Teil, und trotzdem lernte ich dort die wichtigste Regel für Syunik: Hier plant man in Stunden, nicht in Kilometern.
Von Eriwan nach Goris fährt laut Wikivoyage täglich eine Marshrutka. Die Fahrt dauert etwa vier Stunden und kostete in der Quelle rund 3.500 Dram, allerdings steht dort kein Datum, also frag am Busbahnhof nach dem aktuellen Preis. Ich kam am Vortag an, schlief in Goris und ließ mir morgens ein Taxi rufen. Für die Fahrt nach Halidzor, wo die Seilbahn startet, nennt Wikivoyage ungefähr 4.000 Dram, bis zum Kloster selbst etwa 10.000 Dram. Auch diese Zahlen sind undatiert und dienen nur als Anhaltspunkt für das Verhandeln.
Auf der Straße statt in der Luft braucht man laut Wikipedia rund 40 Minuten, und die letzten Kilometer sind nach Wikivoyage nicht asphaltiert. Ich war froh, dass ich mir die Serpentinen durch die Schlucht des Vorotan wenigstens einmal von oben und einmal von unten ansehen konnte. Den Rückweg plante ich mit der Seilbahn, den Hinweg mit dem Taxi. Das gab mir die Aussicht aus beiden Richtungen und verhinderte, dass ich am Nachmittag in der Warteschlange stand.
Ein Fehler, den ich vermeiden würde: Ich hatte Goris als Zwischenstation eingeplant und merkte erst dort, wie wenig Auswahl an Restaurants und Cafés es gibt. Dazu mehr im Abschnitt zum Essen. Bei jeder Tatev Reise lohnt sich ein Vorrat im Rucksack.
Wings of Tatev über die Vorotan Schlucht
Zwölf Minuten schweben über einer Schlucht, 320 Meter über dem Fluss: Die Seilbahn ist der schnellste Weg zum Kloster und für mich der beste Einstieg in die Landschaft.
Die Bahn verbindet Halidzor mit Tatev und ist 5.752 Meter lang. Laut Wikipedia erreicht sie eine Höhe von bis zu 320 Metern über der Schlucht, die Fahrzeit liegt je nach Wetter zwischen 11 und 15 Minuten. Eröffnet wurde sie am 16. Oktober 2010, eine Woche später erhielt sie den Guinness-Eintrag als längste Pendelseilbahn ohne Zwischenstopp. Der Artikel erwähnt allerdings auch, dass es mit 13,2 Kilometern in Norsjö eine längere gibt, der Rekord gilt also nur für eine engere Kategorie.
Bei der Kabinengröße widersprechen sich die Angaben, je nach Abschnitt sind es 25 oder 30 Fahrgäste. In der Kabine stellte ich mich einfach an die Fensterseite und die Schlucht beobachtet. Die Betriebszeiten ändern sich saisonal. Nach Wikipedia fährt die Bahn von Juni bis August von 9 bis 20 Uhr, im Mai und September von 10 bis 19 Uhr, von Oktober bis April von 10 bis 18 Uhr. Außerhalb der Hochsaison ist montags geschlossen. Prüf das vorab, solche Zeiten werden gern angepasst.
Zum Ticketpreis habe ich keine belastbare Quelle gefunden und nenne deshalb keine Zahl. Über eine Million Fahrgäste zählte die Bahn laut Wikipedia zwischen Oktober 2010 und Dezember 2019, die Baukosten lagen bei mehr als 22 Millionen US-Dollar. Du wirst also nicht allein sein, vor allem in den Sommermonaten.
Kloster Tatev mit Schwingsäule und Apostelkirche
Oben angekommen, merkte ich sofort, dass dieses Kloster kein Museum ist, sondern ein Gelände, das über Jahrhunderte Macht, Wissen und Zerstörung erlebt hat.
Seit dem neunten Jahrhundert war Tatev Bischofssitz von Syunik. Laut Wikipedia gehörten 47 Dörfer zum Besitz, dazu kamen Abgaben von 677 weiteren. Im 14. und frühen 15. Jahrhundert bestand hier eine Universität, nach Wikipedia zwischen 1390 und 1434, ihr Ende kam mit dem Einfall von Schah Rukh. Schon 1170 hatten Seldschuken das Kloster geplündert, der Artikel spricht von etwa 10.000 verbrannten Handschriften. Ich blieb vor der Apostelkirche eine Weile stehen und versuchte mir das vorzustellen.
Die Kirche Surb Poghos-Petros ist der älteste erhaltene Bau, Fresken stammen von 930. Die Muttergottes-Kirche Surb Astvatsatsin wurde 1087 als zweites Geschoss über einem Mausoleum errichtet, das Erdbeben von 1931 beschädigte sie schwer, laut Wikipedia dauerte die Rekonstruktion von August 2016 bis Oktober 2018. Die Kuppel der Apostelkirche und der Glockenturm stürzten 1931 ein, der Glockenturm fehlt bis heute.
Der Gavazan, die Schwingsäule im Hof, ist acht bis neun Meter hoch und bewegt sich, wenn man sie leicht berührt. Als Erdbebenwarner wurde sie gedeutet, doch Wikipedia hält diese Erklärung für nicht belegt. Mich hat die Säule trotzdem länger beschäftigt als manche Kirche.
Interessante Fakten zu Tatev und Umgebung
Ein paar Zahlen und Widersprüche, die ich bei der Recherche und vor Ort gesammelt habe, helfen dir, die Gegend besser einzuordnen.
Die UNESCO führt Tatev seit 1995 auf der Tentativliste, ein Welterbe-Titel steht also noch aus. Das Projekt Tatev Revival wurde 2008 gegründet, die Seilbahn kam zwei Jahre später. Im Tal der Schlucht liegt das Kloster Tatevi Anapat des 17. Jahrhunderts, das ich diesmal nur von oben sah. Bei der Entfernung von Eriwan solltest du dich auf keine der beiden Zahlen festlegen, sondern Fahrzeit einplanen.
Am zweiten Tag fuhr ich nach Khndzoresk, einem Dorf in der Gemeinde Goris auf 1.580 Metern Höhe am Hang der Schlucht Khor Dzor. Dort steht eine alte Höhlensiedlung, in der Menschen laut Wikipedia bis in die 1950er Jahre wohnten. Die Einwohnerzahl des Dorfes sank von 7.059 im Jahr 1904 auf 2.070 im Jahr 2011. Im Grund der Schlucht stehen die Kirche St. Hripsime aus dem 17. Jahrhundert, auf einem Sporn die Anlage Anapat mit dem Grab von Mkhitar Sparapet und die Höhlenkirche St. Tatevos.
Das Klima in Khndzoresk beschreibt Wikipedia als warm und relativ feucht mit milden Wintern, 450 bis 700 Millimeter Regen fallen im Jahr. Für Tatev selbst fand ich keine Klimadaten. Weil die Seilbahn ganzjährig fährt, aber nach Jahreszeit andere Zeiten hat, würde ich Mai oder September wählen, da stimmen Betriebsstunden und Tageslicht meiner Meinung nach gut zusammen.
Essen und Trinken in Goris und Tatev
Mit großen Erwartungen an die Restaurantszene bin ich nicht angereist, und das war gut so: Die Auswahl in Syunik ist überschaubar.
Wikivoyage schreibt über Goris von ein bis zwei Restaurants beziehungsweise Cafés in der Stadt und ein paar Grillbuden an der Hauptstraße. Genau so kam es mir vor. Ein Gästehaus kochte Abendessen für etwa 4.000 Dram pro Person und schenkte eigenen Wein aus, auch diese Angabe der Quelle ist undatiert. Frag also beim Buchen nach, ob Abendessen zum Zimmer gehört.
Oben in Tatev steht das Restaurant Tatevatun, dessen Bau laut Wikipedia mehr als eine Million US-Dollar kostete. Dort trank ich nur kurz einen Kaffee, mehr kann ich dazu nicht sagen. Für den Tag am Kloster packte ich mir Brot, Käse, Tomaten und Aprikosen vom Markt ein und eine große Flasche Wasser. Das spart Zeit, weil Wartezeiten an der Bahn und Wege auf dem Plateau länger werden, als man denkt.
Typische armenische Gerichte aus Syunik habe ich in den Quellen nicht belegt gefunden, deshalb nenne ich keine. Mein Tipp: Frag im Gästehaus, was die Gastgeber selbst auf den Tisch stellen. Das war in den meisten Fällen die ehrlichste Antwort.
Kleidung und Packliste für Tatev
Auf einem Plateau über einer Schlucht ist das Wetter anders als in Goris, und in Kirchen gelten eigene Erwartungen an die Kleidung.
Ich war mit Wanderschuhen unterwegs und bin froh darüber, denn die Wege im Klosterareal sind uneben, und auch in Khndzoresk geht es über steinige Pfade bergab. Eine dünne Windjacke trug ich im Rucksack, weil es oben nach meiner Erinnerung stärker zog als unten im Tal. Wie in armenischen Kirchen üblich, hatte ich Schultern und Knie bedeckt, ein leichtes Tuch oder ein Hemd mit langen Ärmeln reicht dafür.
Diese Dinge habe ich für zwei Tage in Syunik eingepackt:
- feste Schuhe mit Profil für unebene Wege
- Windjacke und Sonnenhut
- langes Hemd oder Tuch für Kirchenbesuche
- Bargeld in Dram für Taxi, Gästehaus und kleine Läden
- mindestens einen Liter Wasser pro Person
- Powerbank für Fotos und Offlinekarten
Mit dem Bargeld war ich vorsichtig, denn Geldautomaten gab es nach meinem Eindruck nur in Goris. Plane also die Summe für Taxi und Abendessen vor der Abfahrt ein.
Verhaltensregeln in Tatev
Ein Hausordnungsschild habe ich nicht gefunden, deshalb hielt ich mich an das, was in armenischen Klöstern üblich ist: leise sein, bedeckt sein, fragen.
Offizielle Verhaltensregeln für Tatev standen in meinen Quellen nicht. Ich ging deshalb davon aus, dass hier dieselben Gepflogenheiten gelten wie in anderen armenischen Kirchen. Gespräche habe ich im Inneren leise geführt, Kopfhörer und laute Videos blieben im Rucksack, und mit dem Blitz habe ich nirgends fotografiert. Ob Aufnahmen in einzelnen Räumen erwünscht sind, hängt vom Ort ab, ein kurzer Blick zu den anderen Besuchern oder eine Frage an die Aufsicht klärt das schnell.
Die Schwingsäule habe ich nur sacht berührt, ohne sie anzuschieben oder darauf zu klettern. Sie ist ein Denkmal, das über Jahrhunderte gestanden hat, und es hat mir gereicht, ihre Bewegung zu spüren. Müll nahm ich vom Plateau wieder mit. Kerzen zündet man am besten so an, wie es die Gläubigen vor Ort machen, statt eigene Rituale zu erfinden. Ich hielt mich dabei zurück.