
Pilgern heißt, morgens den Rucksack aufzusetzen und bis zum Abend einem Weg folgen, dessen Ziel oft nur eine Nebensache ist. Zu Pilgern gibt den Menschen Ruhe und Abstand von einem dauerhaft durchgetakteten Alltag. Die Idee auf den eigenen Füßen zu entspannen ist aber nicht neu, schon seit Jahrhunderten gehen die Menschen zu heiligen Orten. Heute ist Pilgern aber nicht mehr nur eine religiöse Thematik, denn die Mischung aus kultureller Geschichte, körperlicher Anstrengung und freiwilliger Reduktion ist Teil der Begeisterung.
So lange pilgern die Menschen schon
Pilgerreisen gab es schon in der Antike und sie sind in verschiedenen Religionen bis heute ein Thema. Der Jakobsweg entstand im frühen Mittelalter, nachdem man im heutigen Santiago de Compostela um das Jahr 820 herum ein Grab entdeckte, das man dem Apostel Jakobus zuschrieb. Schon im 9. Jahrhundert sind erste Pilger dokumentiert, im 11. und 12. Jahrhundert entwickelte sich Santiago neben Rom und Jerusalem zu einem der wichtigsten christlichen Pilgerziele Europas.
Was früher vor allem eine beschwerliche Reise von beträchtlicher Länge war, kann heute unterschiedlich aussehen. Man kann mehrere Wochen auf dem Camino verbringen oder nur einen Abschnitt wählen. Beliebt sind etwa die letzten Etappen ab Sarria, weil es von dort aus nur noch 100 Kilometer bis Santiago sind.
Das ist übrigens genau die Distanz die man braucht, um die offizielle Compostela zu erhalten! Weniger reicht nicht und ohne Pilgerpfad geht es auch nicht.
Der Unterschied zwischen Pilgern und Wandern
Rein äußerlich gibt es kaum einen Unterschied zwischen Pilgern und Wandern, denn in beiden Fällen verlässt man mit Wanderschuhe das Haus, trägt einen Rucksack und begehrt mehrere Kilometer zu Fuß. Trotzdem ist eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg traditionell etwas anderes als eine sportliche Tour von einem Ort zum Nächsten.
Beim Wandern sind es Landschaften, Bewegung und Freizeit, die vor allem interessant sind. Pilgern hat ein festes Ziel vor Augen, oft mit persönlicher oder religiöser Bedeutung. Moderne Pilger müssen aber nicht mehr zwingend religiös sein, die Übergänge sind fließend. Manche starten aus rein religiöser Überzeugung, andere wiederum suchen nach einer Trennung, in einer Krise oder auch einfach mal so eine Auszeit vom alltäglichen Stress.
Die spirituelle und religiöse Bedeutung des Pilgerns
Historisch gehörten Gebet, Buße und die Verehrung von Reliquien unmittelbar zur Pilgerreise. Santiago de Compostela ist bis heute ein christliches Pilgerziel, und die Kathedrale sowie das Grab des Apostels bilden weiterhin den Endpunkt des Jakobswegs. Die religiöse Tradition ist also keineswegs verschwunden, sie ist aber nicht mehr der einzige Grund, warum Menschen aufbrechen.
Parallel dazu ist der spirituelle Pfad gewachsen, denn wer tagelang ohne Ablenkung läuft, empfindet das nicht selten als sehr meditativ. Beim Pilgern geht es eindeutig nicht darum, so viel wie möglich zu sehen und zu entdecken, sondern zu reduzieren und Ruhe zu spüren.
Trendsport Pilgern – wie Instagram und Co. den Jakobsweg publik machen
Das mittelalterliche Pilgern hat sich völlig ohne soziale Netzwerke entwickelt, doch heute spielt das Thema eine Rolle. Sonnenaufgänge von den Pilgerpfaden oder auch die typische Jakobsmuschel am Rucksack sind auf vielen Profilen zu sehen. Reiseblogs berichten, bei TikTok nehmen Pilger ihre Follower mit auf die Reise und zeigen Menschen den Jakobsweg, die zuvor keinerlei Bezug dazu hatten.
Allerdings hat die gestiegene Aufmerksamkeit auch ihre Schattenseiten, denn in manchen Jahren sind über eine halbe Million Ankünfte zu verzeichnen und vor Ort diskutiert man darüber, wie stark die wachsenden Besucherzahlen die Bevölkerung und die Altstadt belasten.